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Zwischen Ekstase und Ritual: Gisèle Vienne über Crowd

Veröffentlicht am 09.07.2025

  • Interview

Was passiert, wenn kollektive Emotion auf individuelle Sehnsüchte trifft? In Crowd widmet sich die französische Regisseurin und Choreografin Gisèle Vienne der Dynamik zwischen Gemeinschaft und Intimität – inszeniert inmitten einer nächtlichen Party, getragen von elektronischer Musik und einem Spiel mit Zeit und Wahrnehmung.

Das Interview führte David Sanson.

Mit Crowd setzen Sie Ihre Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Kunst und Sakralem fort – ein Thema, das Ihre Arbeit von Beginn an prägt. Ist es das erste Mal, dass Sie dies in so kollektiver Form und mit einer großen Gruppe umsetzen?

 

Bis The Pyre (2013) richteten sich meine Stücke – unabhängig von der Zahl der Mitwirkenden – auf das individuelle Erleben. Mich interessierten persönliche Innenwelten, Gefühle, Fantasien. Mit The Ventriloquists Convention (2015) habe ich erstmals eine Gruppe ins Zentrum gestellt, bei der soziale Dynamiken eine wesentliche Rolle spielen. In Crowd geht es um junge Menschen, die sich aus dem Wunsch nach intensiven Erfahrungen und ihrer gemeinsamen Begeisterung für Techno zusammenfinden – im Rahmen einer Party. Diese Situation erlaubt es, die Beziehung zwischen persönlicher Intimität und kollektiver Emotion neu zu erkunden.

Wie fügt sich dieses Thema in Ihre bisherige Arbeit ein?

 

Mich interessieren seit jeher gesellschaftliche Fragen rund um das Verhältnis von Kunst und Religion – und besonders die Rolle von Emotionen, die als unangemessen oder störend gelten. Ob es um Begehren, Gewalt oder Tod geht: Solche Themen betreffen uns alle. Sie können verstören oder sogar das soziale Gefüge gefährden – je nachdem, wie sie erlebt oder ausgedrückt werden. In Crowd stehen intensive Gefühle im Mittelpunkt, die sich aus Verlangen und der Sehnsucht nach Liebe entwickeln. Die Figuren sind offen dafür, sich emotional ganz hinzugeben. Die Struktur des Stücks und bestimmte Verhaltensformen erinnern dabei an Rituale. Diese emotionale Dichte überträgt sich auch auf das Publikum.

Welche Rolle spielt die Musik in Crowd?

 

Sie ist zentral. Peter Rehberg hat eine Reihe von Tracks vorgeschlagen, aus denen ich eine Auswahl getroffen habe. Er hat den finalen Sound gestaltet. Die Auswahl hat auch historischen Wert: Sie umfasst Stücke, die für die Entwicklung der elektronischen Musik wichtig sind – etwa von Jeff Mills oder Underground Resistance aus Detroit, aber auch von Manuel Göttsching. Unser Ziel war ein musikalischer Bogen über vier Jahrzehnte. Ergänzt wird die Auswahl durch zwei Originalkompositionen – eine von KTL (Stephen O’Malley und Peter Rehberg), eine weitere von Rehberg allein.

Und der Text von Dennis Cooper? Sie sprechen von einem „Subtext“…

 

In meinen Arbeiten gibt es verschiedene Ebenen von Text. Manche sind hörbar, andere bleiben unausgesprochen. In Jerk (2008) spricht der Darsteller ununterbrochen, in I Apologize (2004) kein einziges Wort. Was Dennis Cooper und mich seit Beginn unserer Zusammenarbeit interessiert, ist die Frage, wie man Text, Sprache, Stimme und Erzählung für die Bühne immer wieder neu denken kann. In Crowd gibt es einen „Subtext“, der nicht gesprochen wird, aber spürbar ist. Die fünfzehn Tänzerinnen und Tänzer verkörpern jeweils eine eigene Figur mit individuellen Gedanken, Gefühlen und Geschichten. Bei einer Party gibt es unzählige kleine Geschichten, die sich gleichzeitig abspielen. So auch hier: Dennis hat auf Grundlage der Arbeit mit den Performerinnen und Performern kurze biografische Skizzen entwickelt, die die Inszenierung mitprägen. Man kann sich das vorstellen wie beim Musikmischen: verschiedene Spuren, die mal lauter, mal leiser sind – je nachdem, worauf der Blick fällt. Das Publikum entscheidet mit, was es wahrnimmt und wie es die Figuren erlebt.

In Crowd scheint auch die Zeit selbst aus dem Gleichgewicht zu geraten. Ein Effekt, der oft in Ihrer Arbeit auftaucht?

 

Ja, das ist ein wiederkehrendes Element. Crowd arbeitet stark mit choreografischer Verdichtung, mit der Art, wie Bewegungen stilisiert und montiert werden. Es geht nicht darum, reale Gesten zu imitieren, sondern sie sehr persönlich zu übersetzen – aus dem Gefühl heraus, aus dem Moment. Teilweise bewegen sich alle Tänzerinnen und Tänzer synchron, dann wieder ganz individuell. So entsteht ein komplexer Rhythmus, der die Wahrnehmung verschiebt. Zeit scheint gedehnt, manchmal fast angehalten. Dieser Effekt kann an einen Traum oder einen tranceartigen Zustand erinnern – aber er bleibt immer bedeutungsvoll. Durch das Zusammenspiel von Bewegung, Musik und Licht entsteht eine Erzählung, die nicht linear ist, sondern sich in mehreren Zeitebenen überlagert. Sie erlaubt es, einzelne Situationen und Figuren genau zu betrachten – fast wie in einer filmischen Nahaufnahme.

Crowd von Gisèle Vienne ist im Rahmen von Bolzano Danza 2025 live zu erleben. Alle Infos zur Aufführung, Tickets und weitere Hintergründe finden Sie hier.