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Getanzter Ausnahmezustand: Mette Ingvartsen im Interview über Delirious Night

Veröffentlicht am 16.07.2025

In Delirious Night beschäftigt sich Mette Ingvartsen mit der Frage, wie kollektiver Tanz auf gesellschaftliche Krisen reagieren kann. Historische Phänomene wie die Tanzwut des Mittelalters oder der „Bal des folles“ bilden den Ausgangspunkt für eine Choreografie zwischen Rausch, Widerstand und Gemeinschaft.

 

Im Stück Delirious Night verweisen Sie auf die Tanzwut im Mittelalter und den „Bal des folles“. Sind diese historischen Bezüge auf der Bühne sichtbar oder eher Ausgangspunkt für eine Reflexion über kollektiven Tanz?
In Delirious Night geht es darum, wie unsere Körper auf Zeiten der Krise reagieren und wie kollektiver Tanz eine physische Antwort auf eine überfordernde Gegenwart sein kann. Die Choreografie ist von nächtlichen Atmosphären geprägt und beschäftigt sich mit der Idee, dass Gefühle nicht nur individuell, sondern ansteckend und gemeinschaftsstiftend sind.

 

Wir haben uns unter anderem von den mittelalterlichen Tanzmanien inspirieren lassen, den sogenannten Veitstänzen. Sie zeigen, wie Menschen sich in kollektive, unkontrollierbare Bewegungen stürzten als Reaktion auf Pest, Hunger oder andere Bedrohungen.

 

Auch der „Bal des folles“ in der Pariser Salpêtrière spielte eine Rolle. Dr. Charcot stellte damals einen direkten Bezug zwischen diesen hysterischen Anfällen und den Tanzwut-Phänomenen des Mittelalters her. Die Patientinnen durften tanzen, während die Pariser Gesellschaft zusah, ähnlich wie bei den medizinischen Vorführungen. Diese Mischung aus Kontrolle, Zurschaustellung und weiblichem Widerstand fand ich gleichermaßen irritierend und faszinierend.

 

Wie verbinden Sie diese historischen Ereignisse mit den Themen unserer postpandemischen Gegenwart?
Wir leben in einer Zeit, die von Krisen geprägt ist, egal, wohin man blickt. Ich beobachte, wie mein eigener Körper darauf reagiert, aber auch, wie wir als Gesellschaft emotional mit dieser Überforderung umgehen: Umweltzerstörung, politische Gewalt, Kriege, Machtmissbrauch und die Erschöpfung nach der Pandemie.

 

Trotzdem ist Delirious Night kein düsteres Stück. Es soll einen Raum eröffnen, in dem wir durch übersteigerten Tanz gemeinsam einen Weg finden, mit diesen Spannungen umzugehen auch in Momenten der Freude, der Ausgelassenheit, fast wie ein Fest.

 

Die Aufführung ist als große tänzerische Feier angelegt, die mit kollektiver Trance spielt. Wie zeigt sich das konkret in Bewegung und Raum?
Die Performance orientiert sich an sozialen Situationen, wie sie bei nächtlichen Festen entstehen: Es wird getanzt, getrommelt, geklatscht und gesungen. Im Zentrum steht die Idee einer ansteckenden, unaufhaltsamen Bewegung, die in einen Zustand von Trance oder Kontrollverlust führt.

 

Schon zu Beginn des Prozesses wollte ich erforschen, wie sich solche Zustände körperlich herstellen lassen unter anderem durch den Einsatz von Masken. Die Aufführung bewegt sich zwischen Konzert, Feier und Maskenball, getragen von der chaotischen Energie der Performer:innen und der Musik von Will Guthrie.

 

Öffentlicher Raum und Nacht scheinen eng mit dem Thema Feier verknüpft zu sein. Wie setzen Sie das räumlich um?
Im Mittelalter fanden Theateraufführungen oft auf Wagen in öffentlichen Plätzen statt. Gemeinsam mit der Licht- und Bühnenbildnerin Minna Tiikkainen haben wir überlegt, wie ein solcher Raum heute aussehen könnte.

 

Wir haben uns von Free-Partys und Dorffesten inspirieren lassen – provisorische Bühnen, Lichterketten, offene Strukturen. So entstanden Plattformen aus Baugerüsten, über denen bunte Glühbirnen hängen. Auch Will Guthries Musik orientiert sich am Rave: mit chaotischen Rhythmen, langen Spannungsbögen und überbordender Energie.

 

Die Masken und Kostüme greifen sowohl die Tanzwut-Erzählungen als auch Maskenbälle, Karneval und Paraden auf. Gemeinsam mit Jenny Defays haben wir uns für Teufels- und Totenköpfe entschieden – ein Verweis auf den Glauben, dass diese Tänze von Dämonen verursacht wurden oder im Tod endeten.

 

Daneben verwenden wir Tiermasken, inspiriert von einem Fall im Jahr 1491, bei dem Nonnen sich wie Katzen, Hunde oder Vögel verhielten. Heute bekommen Masken aber noch eine andere Bedeutung: Sie schützen vor Überwachung, ermöglichen Anonymität – im Netz, auf der Bühne oder bei Protesten.

 

Welche Bedeutung hat die Nacht für Sie?
Für mich war Tanzen nie nur Freizeit oder Vergnügen, sondern immer auch eine soziale Praxis, in der Spannungen spürbar werden. Die Nacht war dabei nie rein positiv, sondern ein Raum, in dem sich persönliche und gesellschaftliche Konflikte zeigen können.

 

Bei meiner Recherche bin ich auf das Tarantismus-Phänomen gestoßen, eine weitere Form der Tanzmanie, bei der Tanz zugleich Gift und Heilung ist. Der Legende nach mussten Menschen tanzen, um sich vom Biss einer Spinne zu befreien. Diese Doppelrolle hat mich fasziniert.

 

Im Mittelalter tanzten vor allem Frauen, Kinder, Arme, Kranke oder religiös Ausgeschlossene oft gegen die gesellschaftliche Ordnung. Das zeigt, dass sozialer Tanz weit mehr ist als bloße Unterhaltung oder Eskapismus.

 

In Delirious Night geht es mir um genau diese andere Dimension: die Bühne als Raum, in dem sich körperlicher Widerstand und kollektive Freude entfalten können.

 

→ Aufführungstermin:
Delirious Night von Mette Ingvartsen ist am 24.07.2025 um 20.30 Uhr im Rahmen von Bolzano Danza 2025 im Stadttheater Bozen zu sehen.
Zur Veranstaltung

 

Interview von Moïra Dalant (übersetzt aus dem Englischen)