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Im Dialog mit Martin Zimmermann
Veröffentlicht am 19.06.2025
- Interview
«AM ENDE KANN DAS LACHEN UNS RETTEN»
Martin Zimmermann spricht mit Kunst- und Kulturjournalistin Susanna Koeberle über Louise und die Wichtigkeit von Humor.
SUSANNA KOEBERLE Erstmals haben Sie ein Theaterstück mit ausschliesslich Frauenfiguren entwickelt. Warum?
MARTIN ZIMMERMANN Das Thema Hierarchie und Widerstand mit einem Fokus auf Frauen anzugehen, bringt eine Perspektive, die weniger von den traditionellen, oft männlich geprägten Hierarchiekonzepten und Stereotypen beeinflusst ist. Dies ermöglicht uns, das Thema differenzierter und freier von Klischees zu betrachten. Zudem habe ich als Vater zwei Geburten miterlebt. Dabei ist mir nochmals bewusst geworden, welche unvorstellbaren Herausforderungen der Körper einer Frau im Laufe ihres Lebens zu bewältigen hat. Mit den vier Darstellerinnen unterschiedlichen Alters erforschten wir tabuisierte Themen wie Geburt, Tod, Sexualität und Geschlecht sowie auch weiterhin existierende Ungleichheiten.
SK «Louise», der Titel der Produktion, ist eine Hommage an die Künstlerin Louise Bourgeois. Welche Rolle spielt ihr Werk in Ihrem Schaffen?
MZ Unser Stück ist eine Art Gespräch mit ihr. Louise Bourgeois war eine ewige Forscherin: an den Skulpturen, am Material, aber auch an sich selber. Das ist unsere Louise auch. Bourgeois arbeitete wie wir stets von innen nach aussen. Sie forschte nach der Wahrheit. Dafür muss man eindringen, entfernen, aggressiv und schmutzig, aber auch intuitiv sein. Bei ihr war es der Stein, bei uns sind es die unmittelbaren Körper auf der Bühne. Ihre Skulpturen hatten für sie eine Magie, sie hatten die Kraft, die inneren und äusseren Dämonen zu bannen. Sie selbst nannte es Exorzismus. Fetzen und Szenen aus ihrer Lebensgeschichte wurden wie Tagesreste mal abstrakt, mal konkret in Kunstwerke übersetzt. Wurde eine ihrer Idee in der Umsetzung unheimlich oder gar eklig und abstossend, hielt sie dies aus. Verwandelte sich die Idee in Absurdität oder Humor, freute sie sich daran, als hätte sie dem Leben ein Schnippchen geschlagen. Diese Haltung teilen wir mit ihr.
SK Wie wichtig ist für Sie Humor?
MZ Ich komme vom Zirkus. Was mich am meisten geprägt hat, ist die Figur des Clowns. Denn wir sind alle Clowns. Wir sind alle tragikomische, skurrile Figuren mit Dämonen und dunklen, abstrakten und sonderbaren Gefühlen – aber genauso mit dieser unbändigen Lust, über das Absurde zu lachen, uns selbst nicht allzu ernst zu nehmen und in den chaotischsten Momenten die Welt zum Tanzen zu bringen. interessiert, was diese komplexe Figur den Künstlerinnen abverlangt. Damit etwas lustig erscheint, braucht es einen Rahmen, ein Setting. Und es braucht Rhythmus sowie eine punktgenaue Choreographie. Was auf der Bühne so leichtfüssig daherkommt, ist in Wahrheit harte Knochenarbeit. In der Herstellung solcher Situationen werden magische Momente möglich, in denen die menschliche Zerbrechlichkeit durchschimmert. Das Lachen kann uns am Ende vielleicht doch irgendwie retten.
SK Wie würden Sie Ihre Kunstform beschreiben?
MZ Wir machen ein «Théâtre d’objets et de personnages», kein Sprechtheater. Die Figuren sind sehr roh, aber extrem authentisch. Sie sind nahe an den echten Personen. Es geht nie um Imitation oder um Spiel. Es ist eine Kunstform, die nur in der gemeinschaftlichen Auseinandersetzung entstehen kann. Die Figuren brauchen einander – wie im echten Leben. Im Zentrum meiner Stücke steht der Mensch. Was mich letztlich motiviert, ist die Liebe zum Menschen und zum Theater.
SK Die Bühne nimmt eine zentrale Stellung in Ihrem Werk ein. Inwiefern?
MZ Meine Bühnenbilder sind Raumerfindungen, die ein Eigenleben besitzen. Die Bühnenelemente und einzelnen Objekte – wie Stühle, Tische, Türen oder Treppen – sind keine Kulissen, sondern eigenständige Protagonisten. Dabei werden alle zu gleichberechtigten Akteuren. In diesem Stück ist der Bühnenraum wie ein Labor, eine wissenschaftliche Werkstatt, ein Ort der Forschung und des Experiments. «Louise» ist eine bewegte Skulptur oder ein bewegtes Gedicht.
SK An wen richten sich Ihre Kreationen?
MZ An alle! Die Stücke behandeln Themen, die jeder und jede kennt. Dabei geht es mir nie um ein abschliessendes Urteil, ich habe keinen Anspruch auf richtig und falsch. Für mich muss Theater wie ein Kaleidoskop sein: Voller Doppelbödigkeit und Kippmomenten.
Louise wird am Dienstag, 29. Juli und Mittwoch, 30. Juli um 20:30 Uhr im Stadttheater von Bozen stattfinden.
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